Unsere Grundsätze

Zum zehnjährigen Jubiläum (2001) schrieb Dominique Wendling, der ehemalige Zirkusdirektor, einen Text, der die Grundsätze unserer Zirkusarbeit noch immer treffend beschreibt. Es folgt eine leicht aktualisierte Version.

Was mit ein paar Jonglierbällen, einigen Einrädern und Purzelbäumen angefangen hat, ist für viele Kinder und Jugendliche zu einer „ersthaften Beschäftigung“ geworden, die ganz im Trend der Gesellschaft liegt, wo das Thema Zirkus in der letzten Zeit immer mehr Aufwind erhalten hat. Wieso das? Woran liegt es, dass das Interesse so gross geworden ist? Zirkus ist weder Theater noch Tanz mit ihren vielen Ausdrucksmöglichkeiten und auch keine Sportart mit Wettkampfcharakter.

Um dem Phänomen auf die Spur zu kommen, wenden wir uns dem pädagogischen Wert der Zirkusarbeit zu. Viele Erziehungsziele lassen sich beim Zirkusspielen verwirklichen. Die Kinder tauche in eine Fantasie-Welt ein, die sie beflügelt, manche Hindernisse mit grosser Motivation zu überwinden. Erstaunliche Anstrengungen, verbunden mit viel Mut, werden in Kauf genommen um das Angestrebte zu erreichen: den Auftritt! Dieser Moment, das Ergebnis eines saisonlangen Trainings, vereinigt in sich sowohl gutes Körpergefühl als auch Sinn für das Schöne und die Gemeinschaft. Im Verlauf dieses sozialen Prozesses – vom ersten Versuch bis zum Auftritt – wird der junge Mensch (das Kind) in seiner Ganzheit auf drei Ebenen angesprochen.

I – Körperbeherrschung

Körperkraft

Es braucht eine gehörige Portion Kraft und Durchhaltevermögen jemanden zu halten. Man kann nicht einfach aufgeben! So wird durch diese verantwortungsreiche Position im Bereich Körperspannung, Dehnfähigkeit, Kraft auf spielerische Art viel gelernt.

Beherrschung der Schwerkraft

Bei Partnerakrobatik, wie auch in grösseren Akrofiguren, bilden die Partner/innen in Bezug auf die Schwerkraft ein Kraftgebilde, das von jedem innerlich erfühlt (Sensibilität für den Körper des anderen) und gehalten werden muss. Es entwickelt sich ein gesundes Bewusstsein des eigenen Körpergefühls.

Balancierfähigkeit

Ob Drahtseil, Einrad, Rolla-Rolla, Stelzenlauf, Laufkugel oder natürliche (Partner-)Akrobatik, überall spielt das Gleichgewicht eine entscheidende Rolle. Ein ständiges Ringen um den Ausgleich der Kräfte findet statt. Die Ausbildung des Gleichgewichtssinns überträgt sich bis ins Innere. Der junge Mensch schult eine innere Kraft, die in persönliche Stabilität im Alltag hinüberstrahlt.

II – Soziale Prozesse

Aus dem eben Ausgeführten spürt man schon, wie die sozialen Fähigkeiten im Zirkusleben zur Entfaltung kommen und in besonderer Weise gefordert sind:

Der hautnahe Kontakt, der Umgang mit dem Körper des anderen, die Verantwortung ihm gegenüber, die Bereitschaft zu echter Zusammenarbeit, die Bereitschaft sich ein- und unterzuordnen.

Bei der Choreografie irgendeiner Nummer: Verzichte leisten zugunsten des Gesamtbildes, Anerkennung der Fähigkeiten des anderen, genügend Raum geben, so dass alle zum Zug kommen können, nicht nur die Grossen, Starken, sondern auch die Zarten, Zierlichen. Jede/r wird neu angeschaut, seine/ihre Eigenschaften – nicht nur die körperlichen – geschätzt. Was ist eine Pyramide ohne das leichte, geschickte, vielleicht aber auch ängstliche Kind, das ganz oben die Krone bildet?

Alle diese Prozesse haben mit grundlegenden Sozialfähigkeiten zu tun: Kommunikationsfähigkeiten, Kooperationsbereitschaft. Diese Prozesse bauen auf das gegenseitige Vertrauen auf. Es ist eine besondere und nötige Erfahrung heutzutage, ganz auf den anderen angewiesen zu sein, ob bei einer Akrofigur, einer Kunstradnummer oder einem Passing in der Jonglage. Ein Gefühl der Wohltat und Zufriedenheit – wenn auch meistens unbewusst – bildet sich im gegenseitigen Respektieren und Vertrauen.

III – Persönlichkeitsbildung

Selbstsicherheit

Qualitäten wie Durchaltekraft, Konzentration, Koordinationsvermögen sind Voraussetzungen für das Gelingen einer Nummer. Leistungswille, Selbstdisziplin, Überwindung eigener Ängste sind notwendig, um Mitglied einer Figur zu sein, egal ob auf dem Boden, auf dem Kunstrad oder mit der Laufkugel. Misslingen und Erfolg werden dicht nebeneinander intensiv erlebt.

Kreativität

Bei der Gestaltung eines Auftritts werden noch andere Kräfte angesprochen. Die Bewegungen sollten klar und sauber durchgeführt werden, die Artistik braucht passende Musik, Choreografie, Kostüme, Kulissen. Wenn die jungen Menschen die Möglichkeit erleben, sich in diese Themen einleben, mitdenken und mitentscheiden zu können, werden ihre eigenen kreativen Fähigkeiten herausgefordert.

Auch hier wird der junge Mensch auf gesunde Weise gefordert, Qualitäten zu entwickeln, die ihn in seiner Persönlichkeit stärken und ihm dadurch ermöglichen, Teil eines ganzen Sozialgebildes zu sein.

Nach 10 Jahren Auseinandersetzung mit Zirkus und Pädagogik bin ich überzeugt von den pädagogischen Werten des Zirkus, wo sich das Kind, der/die Jugendliche als ganzes Wesen angesprochen fühlt. Dies ist auch eine mögliche Ursache für den heutigen Trend hin zum Zirkus.

So gönnen wir das doch noch vielen Kindern und Jugendlichen…

„Manege frei für die jungen Artistinnen und Artisten!“